Königlich Bayerische Gewehrfabrik


Die Königlich Bayerische Gewehrfabrik in Amberg wurde 1801 von Kurfürst Maximilian IV., dem späteren König Maximilian I., als Amberger Gewehrfabrik gegründet.
Geschichte
Mit der Französischen Revolution begann eine neue Epoche der Weltgeschichte. Europa stürzte in mehrere Jahrzehnte dauernde kriegerische Verwicklungen von noch nie dagewesener Intensität. Schon wegen seiner geographischen Lage konnte sich Bayern aus den Kämpfen zwischen Frankreich und Österreich nicht heraushalten. Nachdem damals die Infanterie nicht nur die wichtigste, sondern auch die weitaus zahlreichste Waffengattung war, besaß bei der Versorgung mit Kriegsmaterial die Deckung des Gewehrbedarfs höchste Priorität. Bis dahin hatte Bayern den größten Teil seiner Gewehre aus dem Ausland bezogen. Die exportorientierten Zentren der Waffenproduktion in Lüttich, Suhl und der Steiermark waren in diesen Jahren sehr gut ausgelastet. Es stand ihnen frei, Besteller zu bevorzugen oder warten zu lassen, und jederzeit konnten kriegerische Ereignisse die Transportwege unterbrechen. Die Belieferung der Armee mit Waffen ließ sich auf diese Weise jedenfalls nicht sicherstellen. Das kleine bayerische Fortschauer Armatur-Werk konnte nur einen kleinen Teil des Bedarfs decken. Wenn sich Bayern von Gewehrimporten unabhängig machen wollte, musste es also seine eigenen Fertigungskapazitäten erweitern.[1]
Im Jahr 1800 zwangen die Operationen französischer und österreichischer Heere die kurfürstliche Regierung zum Ausweichen von München nach Bayreuth, wo sie der Gewehrfrage ihre Aufmerksamkeit zuwandte. Wichtigster Ratgeber des Kurfürsten in solchen Dingen war Generalleutnant de Manson, ein französischer Emigré. Er schlug vor, im seit 1793 leer stehenden Amberger Münzgebäude eine Gewehrfabrik einzurichten. Mit Allerhöchster Entschließung vom 7. Februar 1801 entsprach Max Joseph dem Antrag de Mansons und verfügte die Umwandlung der Münze in eine Waffenfabrik. Die anschließend von Georg von Reichenbach aufgebaute Fabrik im ehemaligen Münzgebäude in Amberg war die erste Produktionsstätte im industriellen Maßstab in Bayern.[1][2]
In der Annahme, dass das ausgewählte Objekt den nötigen Platz zur Erzeugung des bayerischen Handwaffenbedarfs böte, hatte sich de Manson allerdings getäuscht. Deswegen schlug er im September 1801 vor, den zum Paulanerkloster gehörigen, seit längerer Zeit aber schon außer Betrieb gesetzten Kupferhammer Haselmühl in Verwendung zu nehmen. Diesem Antrag entsprechend wurde am 20. Dezember 1801 stattgegeben und genehmigt, dass der Kupferhammer, die Lohstampfe und das Schlösschen von der Verwaltung der Paulanerstiftung für die Gewehrfabrik gepachtet werden dürfe. Der von einer Kommission, bestehend aus dem Administrator der Paulanerklosterstiftung P. Aloysius Ernst einerseits und den Hauptleuten Reichenbach und Wink andererseits vereinbarte Pachtvertrag, laut welchem unter anderem der jährlich an die Klosterstiftung zu entrichtende Pachtschilling auf 474 Gulden festgesetzt wurde, erhielt am 20. Februar 1802 die Genehmigung. In Haselmühl wurde hauptsächlich das Schmieden, Bohren und Abdrehen der Gewehrläufe eingerichtet. Da die Triebwerke in Haselmühl veraltet und sich im Verhältnis zur vorhandenen Wasserkraft nur geringer Nutzeffekt ergab, wurde die Anlage in den Jahren 1851-1855 umgebaut und erweitert, besonders die Laufbohrerei mit verbesserten Einrichtungen versehen; 1855 wurde auch eine neue Rohrschmiede errichtet.[3]
Das Ziel, pro Jahr 4.000 Gewehre herzustellen, erreichte der neue Betrieb lange nicht. Im Durchschnitt der ersten 15 Jahre sollten es weniger als 2.000 Gewehre sein, unter Hinzurechnung der Karabiner und Pistolen etwa 2.500 Schusswaffen. Das lag an wiederholten Plünderungen und Zerstörungen durch österreichische Truppen, aber auch an Qualitätsproblemen. Zeitweise zersprang die Hälfte der fertigen Läufe beim Beschuss. Die Gewehrfabrik gab dem schlechten Oberpfälzer Eisen die Schuld, die Hüttenwerke dagegen der schlechten Arbeit der Amberger Rohrschmiede. In dem Bestreben, besseres Eisen aus Tirol und der Steiermark zu erlangen, erwog man in den ersten Jahren mehrfach, den Amberger Betrieb ins südliche Bayern zu verlegen, aber alle diese Pläne scheiterten daran, dass man entweder keinen geeigneten Standort fand oder die Kosten eines Umzugs sich als zu hoch herausstellten. Seit 1804 unterstand sie der Aufsicht des Finanzministeriums, gelangte aber 1820 in den Bereich der Militärverwaltung.[1]
Ab 1802 wurden das Bayrische Infanteriegewehr M/1798 und später der Jägerstutzen M/1807 produziert. Ab 1815 begann der Herstellung von Bajonetten und Ladestöcken.
Die Jahrzehnte nach 1815 waren für die Gewehrfabrik Amberg eine ruhige Zeit: In Europa herrschte Frieden, die Staaten zahlten ihre Schulden zurück und sparten daher, nicht zuletzt an ihren Streitkräften. In den dreißiger Jahren begann die Gewehrfabrik, auch größere Mengen von Säbelklingen zu erzeugen, das blieb aber ein Nebengewerbe. Den größten Teil seines Bedarfs an Blankwaffen bezog Bayern später wieder in Suhl und vor allem in Solingen, wo man auf diese Produkte spezialisiert war.[1]
1839 begann der Umbau der ersten Steinfeuermusketen auf Perkussion.
Mitte des 19. Jahrhunderts schienen die Zeiten wieder turbulenter zu werden. 1845 stellte die Gewehrfabrik den Antrag, das ganze Zeughaus übernehmen zu dürfen. Über die weitere Behandlung dieses Gesuchs wird in den Archivakten nichts weiteres bekannt. Uneingeschränkt entsprochen wurde dem Antrag aber nicht, denn der spätere Direktor der Gewehrfabrik Major Heiler teilte mit, dass die Gewehrfabrik 1845 aus Raumnot lediglich weitere Werkstätten im Zeughaus gepachtet habe. Außerdem befanden sich zu dieser Zeit auch ein Eismagazin und Speicher für Pferdefutter im Zeughaus. 1848 beantragte die Gewehrfabrik die Errichtung eines Bassins und einer Abflussleitung im Hof des Zeughauses. Das Bassin sollte zur Auslaugung der hölzernen Gewehrschäfte dienen, die Rohrleitung zum Ablassen der der Lauge in die Vils. 1851 war die Raumnot in der Gewehrfabrik so groß geworden, dass die Fertigung der Kürasse ins Zeughaus verlegt werden sollte. Die Einrichtung sollte im ehemaligen Stall für erkrankte Pferde vorgenommen werden. Der Einbau der Werkstätte für Kürasse erfolgte tatsächlich, da im folgenden Jahr die die Überschreitung der veranschlagten Baukosten vermerkt wurde. 1855 kam es zur Einrichtung eines weiteren Fabrikationsraums für die Gewehrschaftherstellung.[4]
Eine Epoche in der Gewehrfabrik prägte Philipp Ludwig Freiherr von Podewils. Der gebürtige Amberger trat 1839 in die Gewehrfabrik ein, deren Leitung er 1853 übernahm. 23 Jahre stand er an der Spitze des „Instituts“, wie staatliche Rüstungsbetriebe in Deutschland genannt wurden. Mit einer Größe von fast 1,90 m war er auch äußerlich eine imponierende Erscheinung und überragte den damaligen Durchschnittsmann um mehr als 20 cm. Seine bekannteste Schöpfung ist das 1858 eingeführte und nach ihm benannte Vorderladergewehr vom Kaliber 13,9 mm. Diese Waffe bildete den Höhepunkt und Abschluss in der Entwicklung der von vorn zu ladenden Militärgewehre. Sie fand auch die Anerkennung des Auslands und verschaffte Podewils und der Gewehrfabrik Amberg internationales Prestige.[1]
Um die bayerische Armee mit dem neuen Gewehr ausrüsten zu können, mussten die Fertigungseinrichtungen modernisiert und erheblich vergrößert werden. 1859 wurden daher die ersten Dampfmaschinen aufgestellt: Die in Amberg leistete vier, die andere in Haselmühl, wo sich das Laufbohrwerk befand, sieben Pferdestärken (Hersteller Kramer-Klett in Nürnberg). Die Leistung der Dampfmaschine in Haselmühl wurde im Jahre 1862 noch durch eine Lokomotive mit vier Pferdestärken verstärkt. Trotzdem gelang es nicht, den gesamten bayerischen Waffenbedarf im eigenen Land zu erzeugen. Große Aufträge gingen auch an den Lütticher Fabrikanten Francotte, der bis in die siebziger Jahre immer wieder Bestellungen aus Bayern erhielt. Es war dies eine Eigentümlichkeit des Systems staatlicher Militärbetriebe: Sie waren groß genug, den laufenden Bedarf zu decken, konnten ihre Kapazität kurzfristig durch Einstellung zusätzlicher Arbeiter und Verlängerung der Arbeitszeiten auch erheblich steigern. Spitzenbelastungen, wie sie beim Übergang auf neue Waffenmodelle immer wieder auftraten, vermochten sie allein aber nicht zu bewältigen. Jedenfalls wäre es völlig unwirtschaftlich gewesen, die Betriebe so groß zu dimensionieren, dass sie dazu unter allen Umständen in der Lage gewesen wären.[1][3]
Im Zuge der Industrialisierung wurde ab 1872 eine komplett neue Fabrik außerhalb des Stadtgebietes vor dem Nabburger Tor errichtet. Ab 2. Januar 1874 arbeitete die neue Fabrik, der am 7. Mai 1887 sogar Prinzregent Luitpold einen Besuch abstattete. In diesem Zug wurden auch die Standorte Haselmühl und das Zeughaus aufgegeben.[4][5][3][Anm. 1] Zur Amberger Gewehrfabrik wurden oft junge Offiziere der bayerischen Armee abkommandiert, um einen tieferen Einblick in die Waffentechnik und ihre Fertigung zu erhalten. Es blieb die einzige Waffenfabrik in Bayern.
1856 begann dann die Neuentwicklung des späteren Podewils-Systems. Mit dem Werder-Gewehr M/1869 wurde in Amberg das erste Hinterladergewehr der deutschen Länder mit Metallpatrone und Zentralfeuerzündung hergestellt. Weiterer Lieferant war die Waffenfabrik Steyr.
In den Jahren 1873 bis 1875 bekam die Gewehrfabrik einen Auftrag über 90.000 Gewehre vom Typ M71 aus Preußen.[5] 1877 entschied man sich dazu, die bayerischen Arsenale mit 53.000 Mauser M/71-Gewehren zu ergänzen.
Später wurden das Gewehr 88 und das Gewehr 98 in Amberg hergestellt.
Die Produktion erreichte im Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt mit etwa 4100 beschäftigten Arbeitern. Das Ende der Fabrik kam mit der Novemberrevolution 1919. Sie wurde dann zur zivilen Fertigung von Werkzeugen und Druckluftgeräten genutzt und den Deutschen Werken angegliedert. Im Jahre 1931 gingen daraus die Deutschen Präzisionswerkzeuge AG (DEPRAG) hervor.
Weblinks
- Industriegeschichte im Stadtmuseum Amberg
Literatur
- Thomas Janssens: Die Geschichte der Königlich Bayerischen Gewehrfabrik in Amberg (1871–1918) – Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bayerns, Verlag Peter Lang, Frankfurt/Main 2009 (= Militärhistorische Untersuchungen, Bd. 4, hrsg. von Merith Niehuss). ISBN 3-631-37719-3 (Rezension)
- Friedrich Münich: Geschichte der Entwicklung der bayerischen Armee seit zwei Jahrhunderten, München 1864 (online bei archive.org).
- Dieter Storz: Gewehrfabrik Amberg. (online verfügbar auf https://oberpfaelzerkulturbund.de/wp-content/uploads/2016/07/FS38_S_169_182_b.pdf), in: 38. Bayerischer Nordgautag. 1034 - Amberg 975 Jahre - 2009. 2009, S. 169-182
Anmerkungen
- ↑ Über den Umzug der Gewehrfabrik gibt es unterschiedliche Formulierungen. Dabei fallen die Jahreszahlen 1874 und 1878. Möglicherweise fand der Umzug in den Jahren 1874 bis 1878 Zug um Zug statt.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Dieter Storz: Gewehrfabrik Amberg. (online verfügbar auf https://oberpfaelzerkulturbund.de/wp-content/uploads/2016/07/FS38_S_169_182_b.pdf), in: 38. Bayerischer Nordgautag. 1034 - Amberg 975 Jahre - 2009. 2009, S. 169-182
- ↑ Dirk Götschmann: Georg von Reichenbach (1771–1826). Meister der Präzision, innovativer Militärtechniker und Wegbereiter der Industrialisierung in Bayern. Pustet, Regensburg 2021, ISBN 978-3-7917-3216-9
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Karl Holzgartner: Hammergut Haselmühle (Amberg): 1. Fortsetzung. In: Die Oberpfalz, 23. Eine Heimatzeitschrift für den ehemaligen Bayerischen Nordgau. 1929, urn:nbn:de:bvb:355-ubr27772-1, S. 68-70
- ↑ 4,0 4,1 Mit dem Gestern in die Zukunft. Einweihung des Landratsamtes Amberg-Sulzbach am 19.09.2000. Hrsg.: Landkreis Amberg-Sulzbach, September 2000, S. 30-35
- ↑ 5,0 5,1 Hans Hummel: Amberg. Ein Stadtspaziergang. 2. veränderte Auflage. Amberg 2003, ISBN 978-3-935719-13-1, S. 62
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