Glockenhaisl & Glockentürme

Zu rund 100 Standorten im Oberpfälzer Wald gibt es Belege dieser besonderen Art von Kleindenkmäler; nur die Wenigsten stehen unter Denkmalschutz. Die räumliche Ausdehnung reicht von Kagern bei Tiefenbach (Landkreis Cham) bis hinauf nach Rosenhof bei Speinshart/Speichersdorf und Goppmannsbühl - unweit des bekannten Konnersreuth (Landkreis Tirschenreuth). Das Zentrum liegt in den Altlandkreisen Nabburg, Oberviechtach, Neunburg vorm Wald und Vohenstrauß, sowie den Gemeinden Pirk, Leuchtenberg und Tännesberg im Landkreis Neustadt a.d. WN.
Eine äußerst breite Vielfalt bestimmt das Aussehen dieser Bauwerke. Jedes Exemplar kann eigene Details vorweisen. Die Varianten unterscheiden sich zuvorderst in die Kategorien "offen" (Glockentürme) und "verschlagen" (Glockenhaisl). Für den in der Region gebräuchlichen Begriff "verschlagen" lautet die fachliche Bezeichnung "verschalt". Längst sind auch moderne Ausprägungen dazugekommen, wie etwa in Hochdorf bei Michldorf.
Das Werden am Beispiel einer Ortschaft
Hochdorf gehört zu den sieben vergessenen Dörfern bei den Glockentürmen. Weder im ortseigenen Heimatbuch, noch in der Chronik der Gemeinde Pirk, finden sich - über die bloße Erwähnung hinaus - ausführliche Informationen. Mehr noch, denn auch in keinem anderen Buch gibt es Hinweise auf dessen Bestehen. Dabei ist der Standort bereits im Urkataster der bayerischen Landesaufnahme im Jahr 1868 eingezeichnet.
Der Ort hielt zumindest an seiner Tradition fest und die Dorfstraße ermöglicht sogar einen direkten Blick vom jetzigen zum damaligen Standort. Ganz anders als das frühere Glockenhaisl sieht dieser Turm an der neuen Stelle in der Ortsmitte aus. Unübersehbar ging gerade hier die Veränderung vom Glockenhaisl zum Glockenturm einher. Ganz mit Bretterschwarten verschlagen, hatte der Vorgänger zurecht seine Bezeichnung eines kleinen Hauses. Die neue Version gleicht nun einem Gerüst und so verschwand bei der Bevölkerung auch der Gebrauch des Begriffs „Glockenhaisl“.
Ein massives Betonfundament mit acht Ecken gibt dem wuchtigen Balkengebinde ausreichend Halt. Kunstvoll verarbeitetes Kupferblech schützt die Oberseiten auf halber Höhe und das Dach vor der Verwitterung. Fachleute konnten sich Ende der 1980er Jahre am ausgeschrieben Wettbewerb beteiligen. Die Entscheidung fiel zugunsten des aufwändigsten Modells; ein weiterer Entwurf fand später Berücksichtigung im Nachbarort. Per Autokran erfolgte die Aufstellung im Sommer 1990. Die beiden Stockwerke gleichen sich im Aussehen. Alle Zwischenräume des Balkengerüsts verzieren halbrunde Bögen aus Holz am oberen Ende. Eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1990 bekrönt den Turm abschließend. Einzig die Glocke blieb die gleiche - seitdem ohne Glockenstrick. Diese wohl weit und breit einmalige Luxusausführung wurde aufgrund einer Finanzierung durch die Flurbereinigungsbehörde mit der Gemeinde möglich, wobei sich der Eigenanteil der Dorfbevölkerung in Grenzen hielt.
Morgens, mittags und abends läutet die Glocke zum Gebet. Mittels Handknopf erfolgt das Einschalten ergänzend zu Maiandachten und Rosenkränzen in der (jetzt weit entfernten) Gallersdörfer-Kapelle, da diese keine eigene Glocke hat. Ebenso wird die Glocke auf Bitte von Angehörigen als „Sterbeglocke“ angestellt.
Ein Hinweis zum vielfachen Vorkommen im Oberpfälzer Wald
„Wollen und Können“ sind letztlich der Grund für die Ansammlung jener außergewöhnlichen Glockentürme hier. Dort - wo diese beiden Voraussetzungen nicht zusammenkommen - fehlen jene Exemplare, sowohl in der Vergangenheit und bis heute: Wenn sich ein Dorf gegen das Aufrichten entschied („brauchen wir nicht, wollen wir nicht, wir haben keinen Platz dafür“) und sich auch sonst Niemand im Ort dafür interessierte, unterblieb das Vorhaben von vornherein.
Das ist jedoch nur die eine Seite, denn ohne die Möglichkeit des Könnens konnte ein Wollen auch nicht geschehen. Unterschiedlichste Gründe sind hierfür ebenso die Ursache, wie beispielsweise: fehlendes Holz als Baumaterial, ein Genehmigungsverbot durch die entscheidenden Stellen, zu wenig Geldmittel und vor allem der Mangel an geeigneten Handwerkern sowie an Personen, welche das Glockenläuten übernahmen.