Altstraßen im Bereich der TK 25 6840 Reichenbach
Frühe Besiedlung des Regentals
Das Regental zwischen Nittenau und Regen weist eine ganze Reihe vorgeschichtlichen Fundstätten auf und belegt die frühe Besiedlung dieses Raumes entlang des Regens. Der bekannteste Fund ist der altsteinzeitliche Faustkeil aus Pösing. Dieses Objekt gehört zu den ältesten in Bayern gefundenen Artefakten und wird auf ein Alter von etwa 80.000 Jahren geschätzt. In der Jungsteinzeit war das Regental Teil der sogenannten „Feuersteinstraße“, auf der der Flint aus dem Feuersteinbergwerk bei Arnhofen (Lkr. Kelheim) ins Böhmische Becken verfrachtet wurde.[1]
Gegen Ende des 10. Jahrhunderts wird der Untersuchungsraum des mittleren Regentals im „Nordwald“ verortet, der sich vom niederösterreichischen Waldviertel bis zum Fichtelgebirge erstreckte. Aus der Quelle von 996 ist ersichtlich, dass das Gebiet im Regental und entlang von weiteren Flüssen und Altstraßen nur dünnbesiedeltes Gebiet war und dem König unterstand.[2]
Flößerei und Trift
Mindestens seit dem Hochmittelalter fand auf dem Regen der Transport von Holz aus dem Raum Kötzting nach Regensburg statt. Eine Genossenschaft von Kötzinger Bürgern hatte die Berechtigung dazu erhalten. Ein Holzlagerplatz bei Reinhausen war das Ziel. Eine eigene Trift- und Flößerordnung regelte im 19. Jahrhundert das Prozedere des Transports, um Konflikte mit Müllern, Fischern und anderen Anliegern zu vermeiden.[3]
Von Tassilo zu Karl dem Großen
Im Jahre 788 wurde Tassilo III. von Karl dem Großen abgesetzt. Aus dem herzoglichen Gebiet der Agilolfinger wurde Kaiserland. Gegen Böhmen zu entstand die Mark Cham, die dem Grenzschutz dienen sollten. Markgrafen waren für die Organisation der Mark zuständig. Sowohl das Gebiet um Cham als auch um Kötzting gehörte zur Mark.[4]
Im 12. Jahrhundert waren es die Markgrafen aus dem Geschlecht der Diepoldinger. Sie starben im Jahre 1204 aus. Im Regental gründeten sie als Hauskloster Reichenbach, wo sie schließlich auch ihre Grablege fanden.[5]
Das Benediktinerkloster Reichenbach
Das Kloster Reichenbach liegt auf einem zungenförmigen Vorsprung am linksseitigen Hang des von Osten nach Westen durchbrechenden Regentales. Der etwa 100 m breite Vorsprung wird durch zwei schluchtartige Einsenkungen gebildet, die von der Höhe in nördlicher Richtung in das Regental hinabziehen. So ist die Lage der Klostersiedlung auf drei Seiten gesichert. Gegen Süden, wo der Platz mit dem Massiv zusammenhängt, war ein Halsgraben vorgelegt. Die Lage des Klosters gleicht einer mittelalterlichen Burg. Reichenbach, in: Georg Hager: Bezirksamt Roding. München 1905. Nachdruck 1981, S. 90 (Kunstdenkmäler von Oberpfalz und Regensburg; 1)
Die Gründung durch Diepold II
Das Kloster wurde im Jahre 1118 von Graf Diepold II. von Cham und Vohburg, Markgraf auf dem Nordgau, auf Bitten seiner Mutter Luitgard gegründet. Das mächtige Geschlecht der Dipoldinger Markgrafen stammte aus dem Schwäbischen. Die Dotation des Klosters Reichenbach rührt zum Teil aus dem väterlichen Erbteil der Markgräfin. Die ersten Mönche Reichenbachs kamen aus dem Kloster Kastl, während die ersten Mönche des von Kaiser Ludwig des Bayern im Jahre 1330 gegründeten Klosters Ettal wiederum aus Reichenbach kamen.[6]
Zum Kloster gehörten eine Mühle, ein Bräuhaus und weitere Wirtschaftsgebäude. Ein großer umziehender Graben und eine Mauer mit Türmen entstanden während der Hussitenzeit und verhinderten eine Verwüstung des Klosters in dieser religiösen Auseinandersetzung.
Zentrum der Astronomie und Mathematik
Abt Engelhard (1431 – 1436) war auf dem Gebiet der Astronomie tätig, ebenso wie dessen Nachfolger Johannes II. von Falkenstein (1436 – 1461). In jener Zeit entstand für diese Zwecke auch ein „mathematischer Turm“. Eine Reihe von Mönchen haben in mehreren Handschriften des 15. Jahrhunderts Listen mit Orten und ihre Lage veröffentlicht. Eine Handschrift aus dieser Zeit, sie stammt aus dem Kloster St. Emmeram in Regensburg, hat sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München erhalten. Zusammen mit etlichen Kartenskizzen enthält sie eine Abschrift der Tabellen des Magisters Reinhard Gensfelder aus dem Kloster Reichenbach mit Längen- und Breitenangaben von deutschen Städten.
Als weiterer Belege für die Bedeutung des Klosters Reichenbach für die Astronomie und Kartographie sei erwähnt, dass die erste deutsche Ausgabe des berühmten Kartenwerks des Claudius Ptolemäus, die Comographia, auf der Basis der Handschrift eines gewissen Donnus Nicolaus Germanus herausgegeben wurde. Dieser soll in Prag studiert haben und Mönch in Reichenbach gewesen sein. So haben das Kloster Reichenbach und ihre Mönche einen maßgeblichen Anteil in der Geschichte der deutschen Kartographie geleistet.[7]
Reformation und Gegenreformation
Im Jahre 1556 erfolgte die erste Reformation des Klosters. In der Gegenreformation erhielten die Benediktiner im Jahre 1669 das Kloster wieder zurück, bis im Jahre 1803 das Kloster erneut aufgehoben wurde. Im Jahre 1891 übernahmen die Barmherzigen Brüder die Klostergebäude und richteten eine Pflegeanstalt dort ein. Bis heute ist Reichenbach im Besitz dieses Ordens und dient sozialen Zwecken. Die weithin sichtbaren Türme stammen noch aus romanischer Zeit, während das Kircheninnere mehrfach umgestaltet wurde. Reichenbach, in: Georg Hager: Bezirksamt Roding. München 1905. Nachdruck 1981, S. 90 – 127 (Kunstdenkmäler von Oberpfalz und Regensburg; 1)
Das Kloster Walderbach
In Sichtweite des Klosters Reichenbach liegt regenaufwärts das Zisterzienserkloster Walderbach. Es soll ursprünglich als Chorherrenstift durch Burggraf Otto I. von Regensburg gegründet worden sein und ging im Jahre 1143 an die Zisterzienser. Waldsassen scheint für Walderbach das Mutterkloster gewesen zu sein, wobei auch hier die Markgrafen von Cham und Vohburg die Vermittler waren.
Verbindung zu Waldsassen
Schließlich war dieses Geschlecht auch bei der Stiftung des Zisterzienserklosters Waldsassen involviert. Walderbach gilt als Familienstiftung der Burggrafen von Regensburg bzw. Riedenburg (Pabonen) und den mit diesen Verwandten Landgrafen von Stefling. Der Bau der Klosterkirche wird für die Zeit um 1170 angesetzt. Mit ihr architektonisch verwandt ist die profanierte Nikolauskirche in Nabburg, die fast zeitgleich entstand.[8]
Zweimalige Reformation
Das Kloster wurde mehrfach von den Hussiten geplündert und 1556 reformiert. Im Jahre 1669 erhielten die Zisterzienser das Kloster zurück. In der erneuten Reformation erfolgte 1803 die endgültige Aufhebung des Klosters. In Regensburg besaß das Kloster den „Walderbacher Hof“ an der Ostnerwacht als Herberge für ihre Äbte und Mönche. Das ehemalige Klostergebäude enthielt im 19. Jahrhundert das königliche Rentamt und beherbergt heute das Kreismuseum des Landkreises Cham. Walderbach, in: Georg Hager: Bezirksamt Roding. München 1905. Nachdruck 1981, S. 174 - 208 (Kunstdenkmäler von Oberpfalz und Regensburg; 1)
Altstraßen im Bereich der TK Reichenbach
Ingrid Schmitz-Pesch verweist in ihrem Band „Roding“ in der Reihe des Historischen Atlas von Bayern (s. oben) auf die Altwegesituation am mittleren Regen. Der Fluss schuf eine Verbindung durch dieses wenig erschlossene, jedoch von alten Wegen und Durchlässen dem Verkehr und Handel zugänglich gemachten Gelände von Regensburg durch den Bayerischen Wald und die Further Senke nach Böhmen. Von Regensburg aus und entlang des Regens durch das Chamer Becken lief die alte Völkerstraße über Furth nach Pilsen und Prag.[9]
Altstraßenverläufe nach Dollacker
Im weiteren Verlauf orientiert sich Schmitz-Pesch an Dollacker und zitiert Dollackers Nr. 66, die von Regensburg kommend über Sallern, Wutzlhofen, Kürn und Nittenau (hier den Regen überquerend) über Bruck, Neukirchen-Balbini weiter nach Rötz und Waldmünchen zog. Daneben verweist Schmitz-Pesch auf die von Dollacker vermutete Altstraße Nr. 61, die von Nürnberg über Schwandorf nach Bruck führte und von da in östlicher Richtung über Roding, Wetterfeld, Altenmarkt, Cham und Furth nach Taus lief. Teilweise ist wohl der heutige Trassenverlauf der Bundesstraße B 16 mit dem Verlauf der Altstraße zwischen Nittenau und Cham identisch.[10]
Die „alte Straße“ von Regensburg nach Böhmen
Schmitz-Pesch erwähnt noch eine weitere Altstraße aus dem Regensburger Raum, die in einer Grenzbeschreibung von 1550 bereits als „alte Straße“ bezeichnet wird und durch den „Vorwald“ führt. Sie ging über Bernhardswald, Roßbach, Wald und schließlich ab Reichenbach entlang des Regen bis nach Cham. Den Zweck dieser Trasse interpretiert die Autorin als Sicherungsmaßnahme im Zuge der fränkischen Staatskolonisation. Entlang dieser Trasse wurden ab dem 8. Jahrhundert slawische Siedlungen errichtet (-winden-Orte) und könne daher ein gewisses Alter beanspruchen. Bei Roßbach zweigt zudem von dieser Straße eine weitere ab, die über Zell, Kiesried, Trasching, Regenpeilnstein, Stadlhof und Roding nach Cham und von da weiter nach Böhmen führte. An dieser Altstraße liegt mit Alletswind ebenfalls eine Ansiedlung, die auf eine slawische Gründung hinweist.[9]
Zahlreiche Bäche und Mühlen
Das Gebiet entlang des Regen wird zudem von einer Reihe von Bächen durchflossen, an denen eine bedeutende Anzahl von Mühlen lagen: Im Süden Mietnach- oder Perlbach, der Zellerbach, der Trübenbach, der Hechtbach und der Heinzelbach; im Norden der Aubach, Hiltenbach, Hauserbach, Kaltenbach und Sulzbach. Das dichte Netz von Wegen und Steigen sowie etliche Hohlwege, wie es das digitale Geländemodell für die TK Reichenbach ausweist, scheinen sowohl mit den beiden oben genannten Klöstern und deren Besitzungen in der Umgebung als auch mit den zahlreichen Mühlen („Mühlwege“) in Verbindung zu stehen.
Weblinks
- Karte der Hohlwege, Steige und Denkmäler im Bereich der TK 25 Blatt 6840: Reichenbach
- Karte der Hohlwege im Bereich der TK 25 Blatt 6840: Reichenbach
- Karte der Steige im Bereich der TK 25 Blatt 6840: Reichenbach
- Karte der Denkmäler im Bereich der TK 25 Blatt 6840: Reichenbach
- Visualisierung der Altstraßen aus den Historischen Karten der TK 25 Blatt 6840: Reichenbach
Einzelnachweise
- ↑ Joachim Zuber: Feuersteinstraße und Bernsteinstraße – Verkehrswege in vorgeschichtlicher Zeit. In: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner: Auf alten Wegen durch die Oberpfalz. Zur Geschichte der Mobilität und Kommunikation in der Mitte Europas. Hrsg.: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner, Regensburg 2022, ISBN 978-3-7917-3279-4, S. 20-33
- ↑ Ingrid Schmitz-Pesch: Historischer Atlas von Bayern, Altbayern Reihe I Heft 44: Roding, die Pflegämter Wetterfeld und Bruck. Hrsg.: Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 1986, ISBN 3-7696-9907-6, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00007676-9, S. 1
- ↑ Alfred Wolfsteiner: Fluderer-Manner mit da langa Stanga. In: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner: Auf alten Wegen durch die Oberpfalz. Zur Geschichte der Mobilität und Kommunikation in der Mitte Europas. Hrsg.: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner, Regensburg 2022, ISBN 978-3-7917-3279-4, S. 120-131
- ↑ Max Piendl: Historischer Atlas von Bayern, Altbayern Reihe I Heft 5: Das Landgericht Kötzting. Hrsg.: Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 1953, ISBN 3-7696-9806-1, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00007652-7
- ↑ Tobias Küss: Die älteren Diepoldinger als Markgrafen in Bayern (1077 – 1204). München 2013
- ↑ Ingrid Schmitz-Pesch: Historischer Atlas von Bayern, Altbayern Reihe I Heft 44: Roding, die Pflegämter Wetterfeld und Bruck. Hrsg.: Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 1986, ISBN 3-7696-9907-6, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00007676-9, S. 96-130
- ↑ Alfred Wolfsteiner: Es ist eine harte Reis`, wenn man den Weg nicht weiß: Die Oberpfalz in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Karten. In: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner: Auf alten Wegen durch die Oberpfalz. Zur Geschichte der Mobilität und Kommunikation in der Mitte Europas. Hrsg.: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner, Regensburg 2022, ISBN 978-3-7917-3279-4, S. 153-169
- ↑ Ingrid Schmitz-Pesch: Historischer Atlas von Bayern, Altbayern Reihe I Heft 44: Roding, die Pflegämter Wetterfeld und Bruck. Hrsg.: Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 1986, ISBN 3-7696-9907-6, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00007676-9, S. 81-94
- ↑ 9,0 9,1 Ingrid Schmitz-Pesch: Historischer Atlas von Bayern, Altbayern Reihe I Heft 44: Roding, die Pflegämter Wetterfeld und Bruck. Hrsg.: Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 1986, ISBN 3-7696-9907-6, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00007676-9, S. 2-3
- ↑ Anton Dollacker: Altstraßen der mittleren Oberpfalz. urn:nbn:de:bvb:355-rbh-1575-7, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, Band 88. Hrsg.: Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg, Regensburg 1938, urn:nbn:de:bvb:355-rbh-2740-1, S. 167-186