Altstraßen im Bereich der TK 25 6742 Cham Ost

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Karolingischer Reichshof bei Chammünster?

Der Standort der karolingischen Reichsburg, dem Zentrum der Pfalzgrafschaft Cham, ist im Stadtgebiet der heutigen Kreisstadt zu suchen, allerdings etwa zwei km vom heutigen Zentrum entfernt. Es stellt sich allerdings die Frage, wo die entsprechenden landwirtschaftlichen Flächen lagen, die dem Unterhalt der Bewohner der Reichsburg dienten. Die Forscher sind sich einig, dass es mit der Reichsburg, dem Marktgeschehen bei Altenmarkt und der bedeutenden Verkehrsverbindung zwischen Straubing und Cham und weiterer Indizien in dieser Region eine karolingischer Reichshof gegeben haben muss. Über seine Lage gehen die Meinungen allerdings auseinander.

Christian Frank vermutete in einem Aufsatz der Zeitschrift „Deutsche Gaue“ von 1935 einen Reichshof in oder bei Chammünster. Verschiedene Historiker, die sich ebenfalls mit dem Thema ausführlich beschäftigten, stimmen Frank zu. Andere wiederum lehnten diesen Reichshof bei Chammünster kategorisch ab. Sie vermuteten den Reichshof eher in dem unterhalb der Reichsburg gelegenen Altenstadt bzw. Altenmarkt. Auch das abgegangene Gut Kanning und das frühere Herzogsgut Hof, an der Kreuzung der Altstraßen von Regensburg und Straubing gelegen, stehen zur Diskussion.

Dieter Löhner kommt beim Vergleich der möglichen Standorte schließlich zu dem Ergebnis, dass das Nordostufer des Regen, das erst ab dem 13. Jahrhundert als Stadt Cham in die Geschichte eingeht, in vorkarolingischer Zeit noch weitgehend unbesiedelt und in herzoglichem Besitz war. Hier am heutigen Marktplatz/Rindermarkt platziert er eine Reichspfarrkirche, St. Dionysius geweiht, und den karolingischen Reichshof mit seinen Wirtschaftsgebäuden. [1]

Die „Cella“ Chammünster

Der kirchliche Mittelpunkt des Chamer Raumes lag allerdings bis in die Neuzeit in Chammünster. Südöstlich der Stadt Cham liegt am sanft auslaufenden Fuß des Lambergs das alte kirchliche Zentrum. Hier wurde nach 739 von Benediktinern des Klosters St. Emmeram in Regensburg eine „cella“, also ein kleines Kloster, gegründet. Aus der klösterlichen cella entwickelte sich im Lauf der Zeit eine reiche Kirche. Hier residierten später die Pfarrherrn als Erzdekane in dem großen Erzdekanat Cham. Von der einstigen Bedeutung Chammünsters zeugen bis heute die zahlreichen Grabplatten prominenter Chamer Bürger.

Eine Landschenkung Herzog Odilos sollte ihre Wirtschaftlichkeit sichern. Es war ein beachtliches Waldgebiet von etwa 11 km x 4,5 km im Rechteck. Es reichte vom Regen im Norden bis vor Miltach und Birnbrunn im Süden. Allerdings war dieses buckelige Waldland mit Höhen weit über 600 m und von mäßiger bis schlechter Bodenqualität. Nur wenige größere Ortschaften konnten sich hier entwickeln. Zudem lag die Schenkung nicht besonders verkehrsgünstig und wichtige überregionale Trassen mieden die Gegend. Chammünster scheint zusammen mit Kremsmünster in Oberösterreich und Innichen in Südtirol als Ausgangspunkt der Slawenmission gedacht gewesen zu sein, zumal eine Reihe von Ortsnamen auf mögliche slawische Siedler verweisen. Doch im Gegensatz zu den beiden letztgenannten Klöster konnte sich Chammünster nicht zum bedeutenden kulturellen Mittelpunkt entwickeln. Die Rodungstätigkeit des Klosters stieß außerdem auf Widerstand freier Bauern. [2]

Der Janahof bei Cham

Eine wichtige Rolle scheinen dabei die Bewohner der Ortschaft Janahof gespielt zu haben, heute ein Stadtteil der Stadt Cham. Janahof liegt südöstlich des heutigen Stadtzentrums, dort wo der Haidbach, auch Janabach genannt, in den Quadfeldmühlbach mündet.

Janahof liegt an den wichtigen Hauptstraßen nach Straubing und Regensburg sowie an der Abzweigung nach Zandt und Miltach. Es liegt damit an der ehemals wichtigen Völker- und Handelsstraße, die schon im 9. und 10. Jahrhundert über die böhmische Pforte bei Cham und Furth nach Prag führte. Die Trasse bestand bereits in römischer Zeit und geht vermutlich sogar noch weiter zurück, wie archäologische Funde verschiedener vorgeschichtlicher Epochen beweisen.

Zwischen Janahof und Altenmarkt entdeckte man im Jahre 1983 im Bereich des bereits bekannten frühgeschichtlichen Areals aus der Bronze- und Spätlatenezeit umfangeiche Siedlungsspuren des 5. Jahrhunderts. Im Urkataster von 1831 ist der Janahof als planmäßig angelegter Vierseithof erkennbar und er findet bereits im 9. Jahrhundert in der ältesten überlieferten Urkunde der Oberpfalz Erwähnung. [3]

Die Rundreise des Bischofs Baturich von 819

Im Jahre 819 machte der Regensburger Bischof Baturich zusammen mit dem Grafen des Donaugaues eine „Bireisa“ (Rundreise) zu der „Cella ad Chambe super regnum flumen“ (=zum Klösterlein bei Cham am Regenfluss). Zwecke der Reise war es, den Leuten am Janahofbach zu untersagen, auf dem Land, das Herzog Odilo einst den Mönchen von St. Emmeram im Jahre 740 zur Klostergründung geschenkt hatte, Rodungen vorzunehmen. Die Westgrenze des Klostergebiets der Cella Chammünster bis nach Birnbrunn hinauf war strittig. Bischof Baturich machte sich daher von Regensburg aus mit mehreren Personen im Dezember 819 auf, den Klosterbezirk mit Pferden zu bereisen und urkundlich zu fixieren. Der Dezember war der günstigste Reisemonat, weil in dieser Jahreszeit wegen der im November und Dezember geringen Niederschlagsmengen die Reisewege am bequemsten zu nutzen waren. Nach Stefan Freund hat man sich die Reisevorgänge wie folgt vorstellen: Die Mönche von Chammünster hatten durch einen Boten den Bischof von Regensburg, der damals zugleich auch Abt von St. Emmeram war, über die Vorgänge informiert. Baturich (816 – 847) zeichnete sich dadurch aus, dass er während seines Episkopats energisch um die die Rechte seines Bischofsitzes kämpfte. Es dürfte im Vorfeld der Aktion im Herbst des Jahres 819 in Regensburg bereits zu einer Verhandlung gekommen zu sein, wo die Positionen ausgetauscht wurden. Eine Ortsbegehung sollte Klarheit bringen. Der Bischof stellte eine Delegation zusammen, die ihn auf seinem Weg in Richtung Chammünster begleiten sollte.

Der Anreiseweg Bischof Baturichs

Die mögliche Anreise nach Chammünster könnte nach Stephan Freund von Regensburg aus über Wenzenbach, Hetzenbach, Roding und Janahof erfolgt sein. Wenzenbach, Hetzenbach und Roding lagen im 9. Jahrhundert im bischöflichen bzw. königlichen Besitz. Eine alternative Strecke wäre über Donaustauf und Falkenstein gelaufen, die ebenfalls in bischöflichem Besitz gewesen sind.

Die Strecke von etwa 60 km wäre theoretisch an einem einzigen Tag bewältigen zu gewesen. Auf welcher Trasse man schließlich Chammünster erreichte ist unbekannt, Ob man die Strecke an einem einzigen Tag schaffte oder an einem der genannten bischöflichen Orte einen Zwischenstopp einlegte, ist unbekannt. Schließlich wird es im Dezember schnell dunkel und ein Stopp scheint daher wahrscheinlich.

Begleitet wurde Baturich von Rodolt, seinem Jagdmeister, der die entsprechende Ortskenntnis besaß und für die Sicherheit zu sorgen hatte. Mit von der Partie waren zudem Betto und Hiltiroch als Gesandte des Grafen Hatto. Die genannten Personen dürften von einer Reihe von Dienstleuten begleitet worden sein, so dass die Delegation auf etwa 20 bis 30 Personen geschätzt wird. Im Kloster dürfte nach der Ankunft das Nachtquartier genommen worden sein.

Vermutlich am folgenden Tag kam es zur Anhörung der beiden Parteien. Als Usurpatoren des Klosterbesitzes werden die „Brüder von Janahof“ erwähnt, die sogar namentlich genannt sind: Ratpreht, Scurz, Engilmunt, Tago, Rihhart, Liupger und Meio. Es kam zu deren Befragung, die allerdings vorerst ohne förmlichen Beschluss endete. Die Grenze im Augenschein

Ein Umritt („Pereisa“) mit kleinem Gefolge unter Führung von Jagdmeister Rodolt und Begleitung von Betto und Hiltiroh schloss sich an, um den Verlauf der Grenzen des entfremdeten Gebietes in Augenschein zu nehmen.

Der Ritt ging zunächst nach Westen bis zum Bach „Geuuinaha“ (Janabach). Entlang dieses Baches ging es nach Süden bis zu dessen Ursprung und von da ab erfolgte der Beritt in Richtung Osten bis zur „Marclaha“ (=Grenzbach, vermutlich der spätere Rettenbach). Die Mitte des Grenzbaches stellte nach Aussage von Rodolt und Betto die Grenze der Mark dar. Von dort begleiteten sie den Bischof bis zum Ursprung eines Baches (Haidbach), der am „mons Bosun“ entspringt (=Höhe 638 nördlich Birnbrunn, heute Hochholz/Schmiedbauernberg/ bzw. Beisteiner Berg). Weiter ging entlang des heutigen Pointbachs und des heutigen Perlbachs/Klingsbachs bis zur der Stelle, wo die „Marclaha“ (= wohl pauschal für „Grenzbach“) beim heutigen Miltach in den Regen mündet. Ab da bildete der Regen den weiteren Grenzverlauf des Chammünsterer Besitzes.

Die wesentlichen Resultate dieser Begehung wurden schließlich in der Schriftfassung nochmals resümiert mit den Worten, dass die Mark von dort wiederum bis zum Ursprung der „Geuuinaha“ reiche und von dort bis an die Stelle, an der die „Geuuinaha“ in den Regen mündet. Gewässer und Berge/Hügel dienten also nicht nur der Orientierung, sondern markierten in vielen Fällen auch Besitzgrenzen.

„Eidhelfer“ bezeugten die Rechtmäßigkeit der Zugehörigkeit der Mark zum Besitz des Regensburger Bischofs in Anwesenheit zahlreicher Zeugen. Das Ergebnis wurde schließlich protokolliert.

Urteil unter Zeugen

Nach der Ortsbegehung wurde die Gerichtsverhandlung fortgesetzt und die Angelegenheit abgeschlossen, indem die als Eidhelfer fungierenden Betto und Rodolt den Grenzverlauf öffentlich bekannt machten. Wichtig dabei war für die Rechtsgültigkeit die „Ohren“-Zeugenschaft der zahlreich Anwesenden, die zudem das Urteil mündlich weiterverbreiteten. Die anschließende Verschriftlichung der Vorgänge durch den bischöflichen Schreiber Ellenhard am 14. Dezember 819 diente der Bewahrung der Ereignisse und der Nennung der beteiligten Personen als Zeugen des Vorgangs. Danach kehrte der Tross des Bischofs nach Regensburg zurück, um dann rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zuhause zu sein.[4]

Sitz eines Erzdiakons

Als im Jahre 973 von Regensburg aus das Bistum Prag gegründet wurde, war die Missionsauftrag für die „cella apud Chambe“ überflüssig. Das Kloster wurde nach rund 250 Jahren aufgelöst, wohl auch unter dem Eindruck der Ungarnstürme. Was blieb, war der Sitz eines der vier Erzdekanate der Diözese Regensburg. Bis zum 30jährigen Krieg blieb die Stadt Cham nach Chammünster eingepfarrt, bis sie zu einer selbständigen Pfarrei erhoben wurde.

Mit dem Protokoll der Bereitung der Grenzen des Besitzes des Klosters Chammünster von 819 liegt uns die früheste schriftliche Urkunde der bayerischen Rechtsgeschichte vor. Sie gibt uns wichtige Hinweise nicht nur über Justizpraktiken sondern auch über Besitzverhältnisse im Raum Cham/Chammünster und nicht zuletzt über mögliche Wegeverbindungen des Chamer Raumes nach Regensburg.

Massive Hohlwegspuren

Zudem weist das digitale Geländemodell für den Raum östlich Runding sowie um den Haidstein eine massive Ansammlung von Hohlwegstrukturen auf, ebenso wie im Raum östlich Arnschwang in Richtung Eschlkam/Neukirchen b. Hl. Blut/Hohenbogen.

Schließlich gehörte die Region Furth und seine südöstliche Umgebung über Jahrhunderte zum Landgericht Kötzting. Dieses Gebiet wurde in der Mitte des 14. Jahrhunderts vom Gericht Cham abgetrennt wurde und nahm anschließend eine eigene historische Entwicklung.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Dieter Löhner: Karolingischer Reichshof bei Chammünster?, in: Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham 7 (1990), S. 5 -19
  2. Helmut Quitterer: Die Besiedlung des Chamer Beckens. Cham 1990, S. 32 - 34
  3. Willi Straßer: Der Janahof bei Cham, in: Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham 7 (1990), S. 21 - 27
  4. Stephan Freund: Von Ohr zu Ohr. In: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner: Auf alten Wegen durch die Oberpfalz. Zur Geschichte der Mobilität und Kommunikation in der Mitte Europas. Hrsg.: Tobias Appl, Alfred Wolfsteiner, Regensburg 2022, ISBN 978-3-7917-3279-4, S. 83 – 98, besonders S. 83 – 90 inkl. Kartendarstellungen in Abb. 3 und Abb. 4